These boots are made for walking

Die Füße dazu wohl eher nicht. Nach drei Tagen des Laufens bilden sich Blasen. Und nach weiterem Laufen sind sie offen, die Blasenpflaster aus und noch viel zu viel Wegstrecke übrig. Aber egal: ich helfe mir und es klappt. Aber zurück zum Start.

 
Kein Porter, der mein Gepäck von A nach B bringt. Kein Guide, der mich durch Berge und Täler führt. Kein Trekking-Partner. Nur ich. Allein. Allein mit meinem Rucksack und einer altmodischen Papier-Faltkarte des Weges, den ich mir ausgesucht habe. Der Annapurna-Circuit.  
 

Und da liegt er vor mir dieser Weg. Ein Weg in die Höhe. 5416 m an der höchsten Stelle. -20 Grad Celsius erwartet. Ich: außer Tageswanderungen noch nie getrekkt. Keinerlei Erfahrung mit der Höhe. Ziemlich unvorbereitet. In Pokhara kaufe ich mir noch das Mindeste: eine dicke Jacke, einen Schlafsack, warme Socken, ne Nepali-Mütze, Purification Tablets, ne Karte, die notwendigen Permits. Los geht’s. Ich bin aufgeregt.
 
Zehn Tage später und mein Circuit hat mir nicht nur wunderschöne Berge, Gipfel und Felsen, gluckernde, quirlige und tosende Bergbäche, die verschiedensten Landschaften und Vegetationen, abgeschiedenste Bergdörfer, wilde Pferde, Büffel und Yaks und die Undendlichkeit der Stille gezeigt. Mein Circuit hat mir mehr gezeigt. 

  1. Alles Kopfsasche. Hardcoretrekker – die habe ich auch auf dem Weg getroffen. Getrekkt auf allen Kontinenten, durchtrainiert bis zum Anschlag, bis unter die Haarwurzeln mit Infos ausgestattet, den GPS-Emergency-Peilsender im Gepäck. Und ich fing an, mich mit ihnen zu vergleichen. Fazit: Selbstzweifel („das schaff ich nie“) und Angst („sollte ich den richtigen Weg finden, werde ich sicherlich die Zeichen der Höhenkrankheit nicht erkennen“). Aber: ich hab es geschafft. Immer einen Fuß vor den anderen. Alleine in der Natur. Ohne den „Talk“ um mich rum, konnte ich einfach mein Ding machen. Und da werden die Grenzen auf einmal sehr, sehr weit. Es ist nicht der Körper, der mir Grenzen setzt. Es ist der Kopf. Einfach machen!
  2. Alles ist irgendwie richtig. Auf dem Weg hab ich, glaub ich, so ziemlich alle Emotionen, die ich kenne mindestens einmal durchlebt. Die weniger schönen (Angst, Zweifel, Wut, Resignation, Verzweifelung, Einsamkeit, Sinnlosigkeit und und und) wie auch die Schönen (Glück, Verbundenheit, Entdeckergeist, Stolz, Selbstvertrauen und und und). Was sich aber immer wieder deutlich in den Vordergrund geschoben hat, sind diese zwei: Vertrauen und Dankbarkeit. Es ist schwer zu beschreiben und zu erklären. Es war einfach so, dass ich irgendwie immer bekommen habe, was ich brauchte. Wegbegleitung und Gemeinschaft, Einsamkeit und sogar Pausen (der einzige Regentag just an dem Tag, als die Blasen dringend eine Pause brauchten und eh Akklimationsationstag war). Das hat mir oft geholfen, einfach den nächsten Schritt zu gehen, die nächste Etappe in Angriff zu nehmen, denn es wird schon alles irgendwie. Ganz bestimmt.
  3. Alleine in Gemeinschaft. Ich hatte großes Glück. Über weite Strecken war ich allein. BIn gelaufen und  gerastet, hab geschaut und erlebt. Perfekt. Ich war ungestört. Nur für mich. Zeit zum Erinnern, Träumen, Fühlen, Planen. Die Freiheit, das alles zu tun und genau dies auch als frei zu erleben, war aber auch dem geschuldet, dass ich abends immer auf „fellow Trekkers“ getroffen bin, mit denen ich mich immer wieder austauschen, die Erlebnisse des Tages, das Gesehene und vor uns liegende teilen konnte. Manche habe ich öfters getroffen. Andere nur ein Mal. Es ist Nebensaison und daher wenige unterwegs. Für mich genau die richtige Mischung. Alleine in Gemeinschaft. Nix Großes, nix Bindendes. Alle frei, ihren Weg, ihre Route, ihr Tempo zu gehen. Allein, aber nicht einsam. Allein in Gemeinschaft.

   

   

   

    

  Tja, was soll ich sagen. Es war toll. Einfach umwerfend und irgendwie tiefgreifend schön.

   
Was ich anders machen würde? Mehr Blasenpflaster, weniger Shampoo ;o)        

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Meine Route:

  • Tag 1: Pokhara (mit dem Bus nach) – Besi Sahar – Bahundanda
  • Tag 2: Bahundanda – Tal
  • Tag 3: Tal – Timang
  • Tag 4: Timang – Upper Pissang
  • Tag 5: Upper Pissang – Manang
  • Tag 6: Manang (Ruhetag)
  • Tag 7: Manang – Letdar
  • Tag 8: Letdar – High Camp
  • Tag 9: High Camp – Muktinath
  • Tag 10: Muktinath – Jomsom
  • Tag 11: Jomsom (mit dem Bus nach) – Tatopani
  • Tag 12: Tatopani (mit Bussen nach) – Pokhara

Einige derer, die immer wieder meinen Weg gekreuzt und/oder begleitet haben:

  • Shacha & Alex: zurückhaltend-sanfte Israelis, neugierig auf die Welt und mit der Situation in ihrem Land oft hadernd
  • Juli & Laxman: ruhige, feinfühlige französische Fotografin und Reitlehrerin mit Campingplatz bei Avignon und ihr Guide, der sich sehr um sie gesorgt hat und uns fünf bei Dunkelheit und Eiseskälte über den Pass geführt hat. 
  • Derek: pensionierter Englischlehrer, der mehrere WOchen im Jahr in einem kleinen Dorf unterrichtet und mir Nachhilfe über Nepals Bildungssystem und die Spannungen mit Indien gegeben hat
  • Ivan: rothaariger, verschlossener Pariser Physik-Student, der kurz vor seinem Abschluss alles hingeschmissen hat und sich das erste Mal in seinem Leben aufgemacht hat, das Leben außerhalb Frankreichs zu erkunden
  • Osum: Japaner, der sich „awsome“ nennen ließ und immer unter Zeitdruck stand, alles sehen und erleben zu müssen, daher auch Wegstrecken mit dem Jeep zurücklegte, um rauszufinden, dass alle anderen zu Fuß und mit Ruhe doch gleich schnell waren
  • Martin, Chris & Ryan: energiegeladene UK/AUS-Yoga-Truppe, die Etappen übersprangen, um voller Lachen und strahlend festzustellen, dass sie zwar den Weg, aber sonst eben nichts gesehen hatten, aber dabei doch jede Menge Spass hatten

6 Gedanken zu “These boots are made for walking

  1. Liebe Gesa,
    hatte schon soooo gespannt auf deinen Bericht gewartet und diesen jetzt mit viel Freude gelesen. „Mut ist der Triumpf über die Angst“ hat Nelson Mandela mal gesagt
    ..und du setzt ihn ein. Viel Spaß auf deinem weiteren Weg.
    Gudrun aus dem verschneiten München

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    1. Danke Dir!!!

      und: Es freut mich, wenn der Blog Dir gefällt. Mir macht es großen Spaß, zu schreiben. Mich treiben nur manchmal die langsamen Bilder-Uploads in den Wahnsinn ;o)

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  2. Liebe Gesa,
    so schön von dir zu hören!
    Manchmal ist es notwendig die eigenen Grenzen zu erfahren und -wenn die Zeit dafür gekommen ist- auch über sich hinaus zu wachsen, was du gerade machst.
    Ich wünsche dir noch wunderschöne Tage und Erfahrungen.
    Namasté
    Chris :-*

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  3. Hi Gesa, ich bin total fasziniert von deinem Bericht. Danke fürs Teilen!! Nepal möchte ich auch unbedingt erleben 🙂
    Lieben Gruß, Barbara

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